Erstens kommt es anders …

(c) Klaus Mittermayr
Woodstock der Blasmusik – das etwas andere Musikfestival begeistert jedes Jahr 17.000 Menschen.

… und zweitens als man denkt. Die Veranstaltungsbranche hat seit Beginn der Pandemie wenig zu lachen. Zuerst dürfen Konzerte (viel zu lange) nicht mehr statt finden. Dann doch. Und während man sich schon an Masken, Abstand und Tests gewöhnt hat, ist es ein scheinbar harmloser Mopedausflug, der alle Pläne über den Haufen wirft. Simon Ertl, Geschäftsführer der SE-Holding und Gründer von Woodstock der Blasmusik, über Herausforderungen, Verluste und Visionen. 

Seit Beginn der Pandemie geht es den kulturellen Veranstaltungen besonders an den Kragen. Was waren die größten Herausforderungen der letzten Monate?

Simon Ertl: Allen voran ist die Pandemie natürlich besonders in wirtschaftlicher Hinsicht eine Herausforderung. Denn neben den Verschiebungen, Absagen, Neuplanungen und Ticket-Rückerstattungen war und ist es uns ein besonderes Anliegen, das gesamte Team zu erhalten. Herausfordernd war über all die Monate hinweg vor allem auch die schwierige Planbarkeit und die fehlenden langfristigen Perspektiven seitens öffentlicher Hand.

Wie zufrieden bist du mit der momentanen Situation?

Simon Ertl: Um ehrlich zu sein – es könnte besser sein. Denn selbst neue, corona-konforme Event-Formate, wie zum Beispiel Bühne am Dom, bei denen alle Sicherheitsvorkehrungen, wie Abstandsregeln, 3G-Kontrolle und so weiter, getroffen wurden, werden vom Publikum nur sehr schlecht angenommen. Es herrscht also trotz der generellen Kultur-Öffnung nach wie vor eine große Verunsicherung. Und das ist auch bei den Ticketverkäufen deutlich erkennbar. Die medial schon öfter erwähnte „Kulturbequemlichkeit“ in der Gesellschaft ist meines Erachtens also definitiv spürbar. 

Könntest du Entscheidungen im Corona-Krisenstab treffen – welche wären das?

Simon Ertl: Vor allem die drastische Öffnung im Sommer 2021 habe ich gesellschaftspolitisch als sehr bedenklich empfunden. In meinen Augen wären kleinere Öffnungsschritte mit längerer Gültigkeit und langfristiger Planbarkeit sowohl für Veranstalter:innen als auch für Besucher:innen sinnvoller gewesen. Dadurch hätten bereits entwickelte Umsetzungskonzepte nicht ständig adaptiert werden müssen und das Publikum hätte sich, unseres Erachtens nach, insgesamt sicherer gefühlt. 

Vielzitiert: In jeder Krise steckt auch eine Chance. Welche neuen Chancen konntest du ergreifen?

Simon Ertl: Wir konnten die veranstaltungsfreie Zeit dafür nutzen, bestehende Prozesse und Strukturen zu optimieren. Vor allem aber konnten wir lang liegengebliebene Ideen endlich in die Tat umsetzen. So fand heuer erstmals die Woodstock Academy statt: Das erste pädagogische Format des Woodstock der Blasmusik, bei dem über 50 Dozent:innen eine Woche lang ihre musikalische Expertise an Blasmusikbegeisterte weitergegeben haben. Es war schon lange ein Herzensanliegen, jetzt wurde es endlich Wirklichkeit!

Anfang Juni hast du bei einem Unfall nicht nur wichtige Stützen des Woodstock der Blasmusik, sondern mit ihnen auch zwei Freunde verloren. Kannst du den Verlust schon begreifen? 

Simon Ertl: Solche Schicksalsschläge wird man, denke ich, nie begreifen können und auch die Antwort auf das Warum wird man nicht finden, solange man auch danach sucht. Da hilft eigentlich nur der Zusammenhalt im Team und das Wissen, dass wir uns gegenseitig unterstützen und Kraft geben. 

Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben? Was gibt sie dir?

Simon Ertl: Ich musiziere schon seit meiner Kindheit – zuerst in der heimischen Blaskapelle, dann intensiv im Rahmen meines Studiums. Natürlich spielt Musik für mich eine sehr wichtige Rolle und begleitet mich in unterschiedlichsten Formen schon mein Leben lang. Mittlerweile ist das Musizieren für mich ein wichtiger Ausgleich zum beruflichen Alltag geworden und ich bin froh, wenn ich mit Ensembles, wie zum Beispiel der Woodstock Allstar Band oder den Original Woodstock Musikanten, auf der Bühne stehen darf. 

Wortgewand(t)

3 Zutaten für mein Erfolgsrezept_ Erstens: an Visionen glauben. Wenn man eine Idee hat, dann sollte man an sie glauben, sie umsetzen, sie weiterverfolgen. Ich denke, das ist eine Eigenschaft, die viel Ausdauer erfordert, aber sich auch lohnt! Zweitens: auf Augenhöhe bleiben. Man schafft die Herausforderungen des Lebens nur im Team. Und: Man trifft sich immer zweimal im Leben, wie es so schön heißt. Mitunter das Wichtigste ist es also, nicht nur sich selbst treu zu bleiben, sondern auch anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Drittens: Musikbegeisterung teilen. Eine meiner schönsten Erfahrungen ist wahrscheinlich das Gesamtspiel beim Woodstock der Blasmusik – 17.000 Menschen, die gemeinsam musizieren und ihrer Leidenschaft nachgehen. Es ist schön, einen Teil dazu beigetragen zu haben. 

Wäre mein Leben ein Soundtrack – so würde er heißen_ Es gibt wahrscheinlich kein Stück, das ein Leben beschreiben kann – aber wenn es darum geht, die Herausforderungen und die Belohnungen meines Lebens abzubilden, dann würde ich wahrscheinlich „die Alpensinfonie“ von Richard Strauss wählen. Ein unglaublich vielschichtiges Werk mit vielen Höhen und Tiefen, vor allem aber mit einem belohnend schönen Ende! 

Dieses Lied ist mein Motivationssong_ Stevie Wonder – For Once In My Life

Mit diesem Song verbinde ich etwas_ Das Ave Maria in der Version von William Gomez, gesungen von Elina Garanca. Diese Interpretation durfte ich 2009 im Stift Göttweig auf der Trompete mitgestalten – es war ein unglaublich bewegender und emotionaler Moment. 

Von Daniela Ullrich