Mal angenommen, Österreich wäre kommunistisch

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Könntest du dir vorstellen, in einem kommunistischen Land zu leben?

Hereinspaziert, Genoss:in! Dein Hammer und deine Sichel hängen in der Garderobe. Mach es dir gemütlich, wir essen gleich zu Abend. Alle von uns bekommen die gleiche Menge derselben Mahlzeit – das ist gerecht. Zumindest wenn man der Grundidee des Kommunismus glaubt. Natürlich leben wir derzeit nicht in einem kommunistischen Österreich. Aber mal angenommen…

… es wäre tatsächlich der Fall. Ist das überhaupt vorstellbar? Und was würde sich in unserer Gesellschaft ändern, was für jeden einzelnen von uns? Wir nehmen euch mit auf ein Gedankenspiel und zeigen euch vier Veränderungen, die der Kommunismus in Österreich bewirken würde.

#1 Goodbye, Land der Innovationen?

Genau wie der Kapitalismus, ist auch der Kommunismus eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Der größte Unterschied hingegen: Im Kommunismus lenkt der Staat die gesamte Sozial- und Wirtschaftsordnung, indem er Güter und Dienstleistungen gleichmäßig verteilt. Seine wichtigsten Grundsätze haben wir übrigens hier für euch zusammengefasst.

Es geht also darum, Gleichheit zu etablieren – in unserer Art zu leben und zu arbeiten. Was in der Theorie verspricht, Hunger, Armut und Neid zu lösen, gestaltet sich in der Praxis schwierig. Stellen wir es uns einfach für Österreich vor. Dann würden uns allen sämtliche Güter und Dienstleistungen in unserem Land zu gleichen Teilen gehören. Wie sollen wir uns unter dieser Voraussetzung als Gesellschaft weiterentwickeln und Fortschritte erzielen? Hier und heute ist Österreich ein innovatives Land. Gemessen an seiner Größe, weist es eine erstaunlich hohe Forschungsquote und eine starke Wirtschaftsleistung auf. 

Im Kommunismus wäre das unwahrscheinlich. Mal ehrlich. Ohne die Aussicht auf Selbstbestimmung, individuellen Erfolg und Eigentum: Wie motiviert wärst du dann noch, ein Unternehmen zu gründen? Oder etwas zu erfinden, Risiken einzugehen und deine Träume zu verfolgen?

#2 Wirtschaftliche Handbremse

Ein Unternehmen zu gründen ist eine Sache. Es über Jahr(-zehnt-)e hinweg erfolgreich zu führen und mit der Zeit zu gehen, eine andere. Was beide gemein haben? Den Antrieb, Leistung zu erbringen und Fortschritte zu machen. Ohne Motivation ist das kaum möglich. Aus einem einfachen Grund: Bei Dingen, die einem selbst nicht gehören, ist man bei weitem nicht so motiviert, sich um ihren Erhalt zu kümmern. Eigentum fördert Verantwortungsbewusstsein und Fürsorge. Und wenn aus „Sky is the limit“ das Motto „Umverteilung ist das Limit“ wird, ziehen wir wirtschaftlich die Handbremse. 

Darüber hinaus zeichnen sich unsere Wirtschaft und Gesellschaft durch Vielfalt aus. Von traditionsreichen Familienunternehmen über freischaffende Künstler:innen bis hin zu Großkonzernen, die unsere internationale Bedeutung stärken. Ist absolute Gleichheit daher wirklich erstrebenswert?

#3 Eine Frage der Führung

Wenn alle Österreicher:innen grundsätzlich gleich sein sollten, stellt sich außerdem die Frage, wer sich der Führung und Organisation annimmt. Kurzum: Wer regiert? Und befindet sich dieser auserwählte Kreis dann überhaupt noch auf einer Ebene mit allen anderen? Denn, dass manche Menschen im Kommunismus am Ende des Tages doch „etwas gleicher“ als die anderen sein müssen und wollen, birgt Risiken. In der Praxis könnte das wie folgt aussehen: Eine Person oder Partei herrscht und sorgt durch Umverteilung für Gleichheit. Inwiefern sie dadurch selbst noch in das Konzept passt? Fraglich. Wie das ohne eigenen Besitz funktionieren soll und, ob es am Ende des Tages nicht doch zu verlockend ist, diesen anzuhäufen, ebenso.

#4 Mehr Gewalt?

Sind Willkür und Gewalt noch zeitgemäß? Und noch viel wichtiger: Waren sie es jemals? Wer ein kommunistisches Österreich fordert, muss sich diesen Fragen zwangsläufig stellen. Denn spätestens nach einem kurzen Blick in die Geschichtsbücher zeigt sich, dass entsprechende Regimes dafür besonders anfällig sind. Das hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es genügend Menschen, die sich frei entfalten wollen. Was mit Systemkritiker:innen passiert, ist unterschiedlich. In der Demokratie, wie wir sie in Österreich kennen und leben, wären Bestrafungen und gewaltvolle Lösungen jedenfalls undenkbar. Zum anderen regiert im Regelfall ausschließlich eine kommunistische Partei. Die Folgen sind Alternativlosigkeit und ein entstehendes „Wir gegen die“-Gefühl. Selbst eine globale Wirtschaftsmacht wie China und die dort allein herrschende Kommunistische Partei Chinas kämpfen mit diesen Problemen.

Nicht ohne Grund sind kommunistische Staaten im Laufe der Zeit immer wieder gescheitert. Und dieser Umstand wirft letztendlich die wichtigste aller Fragen auf: Wie ginge es mit Österreich „danach“ weiter?

Von David Bauer