Wie viele Arbeitskräfte fehlen uns wirklich?

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Wie viele offene Stellen gibt es derzeit in Österreich? 112.000 oder 247.000? Beides ist richtig. Bitte was?

Aufschwung pur: Nach der Coronakrise erholt sich die Wirtschaft zunehmend und auch die Zahl der Arbeitslosen befindet sich auf Vorkrisenniveau. Trotzdem beklagen immer mehr Unternehmen den Mangel an Arbeitskräften, wodurch sie ihr volles Potenzial nicht nutzen können. Wie passt das zusammen? 

Sinkende Arbeitslosenzahlen und ein zugleich steigender Fachkräftemangel – bitte was? Klingt komisch, ist aber so. Zuletzt waren beim AMS rund 270.000 Österreicher:innen arbeitslos und knapp 72.000 als Schulungsteilnehmer:innen gemeldet. Insgesamt sind das weniger als vor der Pandemie. Zum Vergleich: Im Oktober 2019 lag die Zahl der Menschen auf Arbeitssuche bei rund 274.000. Luft nach oben bleibt dennoch. Vor allem, weil viele Betriebe händeringend Mitarbeiter:innen suchen.

Wie passen diese Entwicklungen zusammen? Eine mögliche Antwort lautet, dass wir nicht genau wissen, wie viele Arbeitskräfte uns wirklich fehlen. Denn einige Jobs werden zwar von Unternehmen auf einschlägigen Portalen, Zeitungen oder der eigenen Homepage inseriert, aber nicht zwangsläufig dem AMS gemeldet. Die Folge: In der AMS-Statistik tauchen weniger freie Stellen auf, als es tatsächlich gibt. Laut Industriellenvereinigung leiden daher vor allem entwickelte Industrieregionen wie Oberösterreich kurz-, mittel- und langfristig branchenübergreifend unter akutem Arbeitskräftemangel. 

Der Wirtschaftsbund Stellenmonitor soll dieses Problem lösen. „Für eine effiziente Arbeitsmarktpolitik ist es notwendig zu wissen, wie viele offene Stellen in Österreich zur Verfügung stehen. Deshalb haben wir gemeinsam mit den IT-Spezialisten von Lorem.ipsum den WB-Stellenmonitor auf die Beine gestellt“, so Wirtschaftsbund Generalsekretär Kurt Egger. 

Mehr als gedacht

Zusammengefasst geht es bei der Idee darum, über die Statistiken des AMS hinauszugehen. Sprich, nicht nur offiziell gemeldete Stellen zu berücksichtigen, sondern alle „echten“ Jobangebote miteinzubeziehen. „Mit Hilfe der Software können wir Online-Stellenausschreibungen zählen und ein realistisches Bild der Arbeitsmarktsituation aufzeigen“, erklärt Egger das Konzept. So habe man erstmals harte Zahlen nach Branchen und Bundesländern. Sehen wir sie uns an.

Im konkreten Vergleich zeigt sich, wie viel mehr Möglichkeiten unser Land tatsächlich bietet. Beim AMS waren zuletzt rund 112.000 offene Stellen registriert. Der Stellenmonitor zählt mehr als das Doppelte. Die Analyse der Jobportale zeigt: über 247.000 Jobs sind wirklich ausgeschrieben – selbst nach Bereinigung mehrfacher Inserate und einer womöglich noch höheren Dunkelziffer. Werfen wir nochmals einen Blick auf die Zahl der Arbeitslosen. Mit derzeit zirka 270.000 Österreicher:innen ohne Beschäftigung, kommt dadurch im Schnitt fast eine offene Stelle auf einen arbeitslosen Menschen.

Wie geht es weiter?

Das momentane Ungleichgewicht geht uns am Ende des Tages alle etwas an. Je besser wir Betriebe und Fachkräfte matchen, desto mehr profitieren nicht nur beide Seiten, sondern auch Österreich als Ganzes. „Unser gemeinsames Ziel muss es daher sein, möglichst viele Menschen in Vollbeschäftigung zu bringen. Dazu braucht es Maßnahmen gegen den Arbeitskräftemangel sowie dringend notwendige Arbeitsmarktreformen wie etwa die Änderung der Zuverdienstgrenzen, ein degressiv gestaffeltes Arbeitslosengeld sowie die Erhöhung der Mobilität“, so Egger. 

Der Stellenmonitor ist auf dem Weg zu diesen Neuerungen lediglich ein erster Schritt. Gelingt es uns in Zukunft, mehr tatsächlich fehlende Arbeitskräfte zu vermitteln, haben wir eine Win-Win-Win-Situation. Erfolgreiche Unternehmen, die endlich ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Ein gesundes Österreich, das durch die zusätzlichen Steuern der Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen stärker finanziert wird. Und nicht zuletzt glücklichere Menschen, die wieder einer Beschäftigung nachgehen und Geld verdienen können.

Von David Bauer