Kinder und Corona - Wie gefährlich ist eine Infektion?

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Wie läuft eine Coronaerkrankung bei Kindern ab und was soll man dagegen tun?

Kinder und Corona – Wie gefährlich ist eine Infektion? 

Etwa 20 Prozent aller nachgewiesenen Infektionen betreffen aktuell Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre. Viele Eltern stellen sich die Frage: Wie läuft eine Coronaerkrankung bei Kindern ab? Und: Wie schwer können Kinder erkranken? 

Für viele Expert:innen ist die Situation klar: Die Delta-Variante des Coronavirus ist so ansteckend, dass auf kurz oder lang jede Person mit dem Virus in Kontakt kommen wird. Also werden auch Kinder auf das Coronavirus treffen. Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit waren in Österreich fast 2.600 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre in der ersten Oktoberwoche am Coronavirus infiziert. Im Interview erzählt uns Johanna Dirisamer, Allgemeinmedizinerin in Ried im Innkreis, über Ihre Erfahrungen mit der Erkrankung bei Kindern.

Wie gefährlich ist eine Corona-Infektion bei Kindern?

Johanna Dirisamer: Der Großteil der Kinder mit einer Sars-Cov2 Infektion hat milde oder keine Symptome. Eine stationäre Aufnahme oder auch Intensivaufenthalt ist meist nicht notwendig, es gibt aber auch Fälle mit einem schweren Verlauf.

Welche Symptome sind Ihnen bei jungen Erkrankten am meisten begegnet?

Johanna Dirisamer: Die Hauptsymptome sind Fieber und Husten, Abgeschlagenheit, Schnupfen, Gelenks- und Halsschmerzen. Am wenigsten häufig war ich in meiner Ordination bei infizierten Kindern mit Durchfall und Bauchschmerzen konfrontiert, darüber wird in Studien aber durchaus berichtet.

Wann sollten Eltern von Corona-infizierten Kindern einen Arzt kontaktieren?

Johanna Dirisamer: Bei Atemnot, eingeschränkter Atmung wie Kurzatmigkeit oder einem pfeifenden Geräusch beim Atmen, Schmerzen oder Druck im Brustkorb oder bei bläulichen Lippen sollte man nicht abwarten. Wenn sich das Fieber nicht senken lässt und/oder über mehrere Tage besteht, dann sollte auch ein Arzt kontaktiert werden. Weitere Anzeichen eines schweren Verlaufes können sein, wenn die körperliche Belastbarkeit deutlich herabgesetzt ist, das Kind nicht mehr isst und vor allem trinkt und wenn das Kind verwirrt scheint oder es nicht mehr es selbst ist. Grundsätzlich gilt: Bei Unsicherheiten sollte man sich sofort an einen Arzt wenden.

Viele Kinder zeigen keine oder milde Symptome bei einer Erkrankung. Wie sollten sich Eltern bei einer Coronainfektion mit mildem Verlauf verhalten?

Johanna Dirisamer: Bei milde verlaufender Krankheit gibt es keine spezielle Therapie. Die Kinder sollten sich ausruhen und wenn nötig, dann sollte man das Fieber senken.

Laut einer kanadischen Studie entwickeln etwa sechs Prozent von Covid-infizierten Kindern Long Covid. Wie äußert sich Long Covid bei Kindern?

Johanna Dirisamer: Prinzipiell erkranken Kinder selten so schwer am chronischen Erschöpfungssyndrom wie Erwachsene. Die Symptome können zeitlich versetzt zur Infektion auftreten, das heißt eventuell auch erst Wochen oder Monate nach der eigentlichen Infektion. Hauptsymptome sind meist Schlafstörungen, Müdigkeit oder ein plötzlicher Leistungsknick in der Schule und/oder Konzentrationsprobleme.

Welche weiteren Folgen kann eine Corona-Infektion bei Kindern noch haben?

Johanna Dirisamer: MIS-C, also das Multisystem Inflammatory Syndrom in Children oder auch PIMS genannt, wurde erstmals im April 2021 von britischen Ärzten beobachtet, die über ein Cluster von acht vorher gesunden Kindern mit bestätigter Sars-Cov2 Infektion berichteten. Es treten hier Komplikationen in Entzündungsprozessen (Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Abgeschlagenheit, Lymphknotenschwellung, Kopfschmerzen, Hautausschlag etc), lang anhaltendes Fieber bis hin zu Herz- Kreislaufversagen auf. In einer Studie (Feldstein LR,NEJM, 2021) zeigte sich, dass sechs- bis zwölfjährige Covidpatient:innen häufiger vom MIS-C betroffen sind.

Bei Impfungen wird oft von einer Entscheidung zwischen „Risiko und Nutzen“gesprochen. Kinder erkranken in der Regel nicht schwer am Virus. (Warum) sollte man Kinder aber trotzdem impfen lassen?

Johanna Dirisamer: Auch wenn die Häufigkeit von schweren Fällen bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen deutlich geringer ist, geht es darum, die Übertragung des Virus zu verhindern, um irgendwann eine Herdenimmunität zu erreichen. Und wenn wir diese erreichen wollen, müssen wir unsere Kinder ebenso gegen Sars-Cov2 impfen. In einem aktuellen Artikel von Klass P. Im New England Journal of Medicine, 2021, wurde der Vergleich zu Masern hergestellt, ein Virus, das früher durch die hohe Ansteckung und teils tödlichen Verläufen und Spätfolgen omnipräsent war. Auch hier konnte mit einem wirksamen Impfstoff die Ansteckung deutlich reduziert werden, bei einem Virus das auf den ersten Blick (bei Kindern) harmlos wirkt.

Eine Impfung für Kinder ab zwölf Jahren ist seit einigen Wochen zugelassen. Viele Eltern sind verunsichert, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen. Mit welchen Ängsten und Sorgen von Eltern sind Sie in Ihrem Arbeitsalltag am meisten konfrontiert? Wie reagieren Sie darauf?

Johanna Dirisamer: Prinzipiell bin ich für eine Impfung von Kindern und Jugendlichen, da die Impfung auch in dieser Altersgruppe sehr gut verträglich ist. Bei jedem hat eine Infektion mit Sars-Cov2 einen anderen Verlauf, die Impfung wird die einzige Möglichkeit sein, um bei sich selbst und anderen einen schweren Verlauf oder Langzeitfolgen zu vermeiden. Jene Eltern, die aktuell mit ihren über zwölfjährigen Kindern zur Impfung kommen, sind sehr froh und erleichtert, dass sie ihr Kind schon impfen lassen können.

Wann darf man mit einer Zulassung des Pfizer/Biontech-Impfstoffes für jüngere Kinder unter zwölf Jahre gerechnet werden? Was raten Sie Eltern dieser Altersgruppe?

Johanna Dirisamer: Ich hoffe auf die Zulassung bis Ende diesen Jahres, da sich die Hauptgruppe der Infizierten immer weiter nach unten verschiebt. In der vergangenen Kalenderwoche war die Inzidenz pro 100.000 Einwohner bei den Sechs- bis Vierzehnjährigen am höchsten. Eltern von Kindern welche einer Risikogruppe angehören oder die ein Naheverhältnis zu einer Person mit chronischen Erkrankungen haben, lege ich eine Impfung ihrer Kinder besonders nahe. 

Ich empfehle aber prinzipiell allen, die sich nicht anstecken wollen, sich impfen zu lassen. Denn schlussendlich wird sich der Großteil derjenigen, die nicht geimpft sind, anstecken.

„Es wird sich ein Großteil derjenigen, die nicht gemipft sind, anstecken.“ Johanna Dirisamer, Allgemeinmedizinerin in Ried im Innkreis.

Von Katharina Anna Ecker