So lebt es sich als Autist

"Wenn die Menscheneinschätzung fehlt, ist man in sozialer Sicht gegenüber Neuem sehr skeptisch", sagt Autist Wilfried Grafenberger.
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Was bedeutet es eigentlich, Autist zu sein? Und woran erkennt man es? Wilfried Grafenberger weiß erst seit drei Jahren, dass es das Asperger Syndrom ist, das ihn zu einem „komischen Kauz“ macht. Wütend macht ihn, dass er aufgrund seiner Diagnose keinen Job findet. Dabei wäre doch ein verlässlicher, pflichtbewusster und loyaler Mitarbeiter, der Ungereimtheiten in der Buchhaltung rasch erkennt, eine Bereicherung für jeden Betrieb.

„Der österreichische Arbeitsmarkt ist, was psychologische Einschränkungen angeht, im tiefsten Mittelalter.“ Wilfried Grafenberger spricht Klartext. Den Glauben an die Menschheit hat er schon (fast) verloren. Der Mann im besten Arbeitsalter, mit fertiger IT Ausbildung, zehn Jahre Arbeitserfahrung und einem halben Wirtschaftsstudium, sucht seit über zwei Jahren (verzweifelt) einen Job. Und Anerkennung für seine Diagnose „Asperger Syndrom“.

Diese gehört zu den Autismus-Spektrum-Störungen und ist eine Kontakt- und Kommunikationsstörung. Das heißt, Betroffene tun sich schwer, mit anderen Menschen zu interagieren, sich in sie hineinzufühlen und Empathie zu zeigen“ erklärt Werner Holmes-Ulrich, Leiter von work_aut dem Autismuskompetenzzentrum der Barmherzigen Brüder in Linz. Das Zentrum ist für Menschen, bei denen eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wurde und die in Oberösterreich arbeiten möchten, erste Anlaufstelle: Bei einem Erstgespräch werden Jobmöglichkeiten ausgelotet und Vorstellungsgespräche bei interessierten Arbeitgebern mit einem Coach bewältigt, der auch während des Arbeitseinsatzes unterstützend zur Seite steht. Österreichweit greift übrigens Specialisterne (Anm.: dänisch für Spezialisten) unter die Arme. Der Verein hat sich auf die Integration von Autisten besonders in der IT-Branche spezialisiert. Work_aut unterstützt auch Wilfried. Bisher leider vergeblich.

„Für mich ist die ablehnende Haltung neurotypischer Menschen – herrlich, dass die Wissenschaft für „normale Menschen“ so ein schreckliches Wort nimmt – gegenüber Autisten sogar verständlich“, sagt Wilfried. „Was mich wütend werden lässt, ist die Verlogenheit der Leute, die auf zuckersüß tun. Im Grunde, ist es ein Verbrechen an uns Asperger, da wir diese Unaufrichtigkeit nicht durchschauen“, sagt der Oberösterreicher, der sich nichts sehnlichster wünscht, als endlich wieder arbeiten zu dürfen. Was ihn sonst noch bewegt und mit welchen Herausforderungen er als Autist zu kämpfen hat, erzählt er uns im Interview.

 

13 Fragen an einen Autisten, die man vielleicht so nie stellen würde

Wann und wie hat sich herausgestellt, dass du Autist bist bzw. das Asperger Syndrom hast?

Wilfried Grafenberger: Das war im November 2018, nachdem mir 35 Jahre eingetrichtert wurde, dass ich halt „einen starken Willen” habe. Erst mein Psychiater, den ich völlig freiwillig konsultierte, hat einen Verdacht geäußert und schließlich einen Termin zur Diagnose ausgemacht.

Woran erkennt man deinen Autismus?

Wilfried Grafenberger: Dass ich ein „komischer Kauz“ bin, der sich angeblich „nicht in ein Team integrieren“ lässt. So ist zumindest der Eindruck von HR-Abteilungen. Was meine Suche nach Arbeit natürlich sehr schwer macht. Meine Motivation ist, dass ich so schnell wie möglich ein voll ausgebildeter Buchhalter bin, um im Arbeitsleben integriert zu sein.

Wann fühlst du dich besonders eingeschränkt?

Wilfried Grafenberger: Ich fühle mich nicht eingeschränkt, sondern wegen den externen Eindrücken diskriminiert.

Mit welchen Herausforderungen hast du bei der Jobsuche am allermeisten zu kämpfen?

Wilfried Grafenberger: Ich bin motivatorisch top. Und fachlich auch bald. Mein Problem ist, wenn es ins Persönliche geht, da die HR-Abteilungen und Bewerbungsalgorithmen automatisch alles herausfiltern, was nicht der Norm entspricht. So werde ich mit 0815-Absagen à la „Ihre Bewerbungsunterlagen sind sehr interessant, wir können Sie aber nicht in die engere Auswahl aufnehmen“ konfrontiert. Immer, wenn ich solche E-Mails bekomme, frage ich mich, warum ich mir die Mühe für ein Bewerbungsschreiben überhaupt angetan habe. Mir zeigt es, dass meine Bewerbung spätestens nach einer „Drei-Sekunden-Durchsicht“ in dem Papierkorb landet.

Kannst du ganz normal arbeiten gehen?

Wilfried Grafenberger: Im Grunde schon, aber meine Reha-Betreuerin hat mir ans Herz gelegt, dass ich mit 20 bis 25 Stunden anfangen soll, damit ich „Schritt für Schritt“ ins Arbeitsleben zurückfinde.

Worauf musst du aufgrund des Asperger Syndrom verzichten, würdest aber gerne machen?

Wilfried Grafenberger: Natürlich kann ich sagen, auf „Support“ oder „Teamarbeit“; aber warum sollte ich mich verstellen, nur um es anderen, die mit meiner Art nicht umgehen können, recht zu machen? Wie bereits gesagt, ist Asperger Autismus eine Lebensart und keine Behinderung.

Hast du eine berufliche Ausbildung?

Wilfried Grafenberger: Ja, ich habe nach meiner Matura eine Lehrabschlussprüfung zum IT-Techniker mit Auszeichnung bestanden und werde Mitte 2022 die Buchhalterprüfung machen. Ich bin zwar jetzt schon ein Assistent, habe aber den Eindruck, dass man als Assistent in der Arbeitswelt nur als halbe Arbeitskraft zählt.

Was möchtest du gerne arbeiten?

Wilfried Grafenberger: Als Buchhalter.

Was kann ein Arbeitgeber von dir erwarten?

Wilfried Grafenberger: Einen verlässlichen, pflichtbewussten und loyalen Mitarbeiter, der Ungereimtheiten erkennt.

Hast du eine Rain Man Begabung? Welche besondere Fähigkeit hast du durch das Asperger Syndrom?

Wilfried Grafenberger: Was für alle Autisten gilt, ist Kompensation der sozialen Kompetenzen auf andere Bereiche. Ähnlich wie bei Blinden, bei denen die Sensorik und das Gehör stärker ausgeprägt sind. In meinem Fall sind es Pflichtbewusstsein, Teamunterstützung, strukturiertes Arbeiten und die Organisation. Das erklärt auch mein hohes Interesse an IT und Buchhaltung. Für unsachliche Kritiken ist meine Haut sehr dünn. Rain Man Begabungen sind Personen vorbehalten, die sich im Autismus-Spektrum außerhalb von Asperger, also im Bereich der schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten bewegen.

Hast du Freunde?

Wilfried Grafenberger: Mir kommt vor, dass meine Freunde und Familie mit dem Thema Autismus nichts anfangen können. Obwohl ich ja den Verdacht habe, dass ich in der Familie nicht der Einzige bin, der davon betroffen ist.

Wie schwer fällt es dir, Beziehungen, Nähe und Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen?

Wilfried Grafenberger: Furchtbar schwer. Wenn die Menscheneinschätzung fehlt, ist man in sozialer Sicht gegenüber Neuem sehr skeptisch. Ich vergleiche dieses Verhalten gerne mit einer Katze. So wird mir mein Verhalten gerne mit schlechter „Teamfähigkeit“, oder wie ich es nenne: Unterwürfigkeit, verwechselt.

Wie könnte dein Umfeld dein Leben erleichtern?

Wilfried Grafenberger: Meine „Behinderung“ als Lebensweise sehen und nicht als Abnormalität. Gegenfrage: Wie kämst du zurecht, wenn das Autistische das Normale und das Neurotypische das Abnormale ist? Du würdest sicher gerne wie ein Behinderter behandelt werden.

Was wünscht du dir von der Zukunft?

Wilfried Grafenberger: Beruflich habe ich vor, in die Bilanz zu gehen. Da ich aber für das Ziel zusätzlich zur Buchhalter-Prüfung mindestens eineinhalb Jahre Berufserfahrung brauche, ist mein Primärziel zunächst Buchhalter.

Von Daniela Ullrich