Neue Ursache für schwere Corona-Verläufe gefunden

(c) Getty Images
Die Corona-Verläufe sind oft sehr unterschiedlich: Manche Menschen bleiben (nahezu) symptomlos, andere kämpfen auf Intensivstationen um ihr Leben.

Eine Corona-Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Während einige Menschen (nahezu) symptomlos bleiben, landen andere auf Intensivstationen, müssen künstlich beatmet werden und um ihr Leben kämpfen. Manchmal leider vergebens. Doch was ist der Grund für die vielen unterschiedlichen Verläufe einer Corona-Infektion?

Einem internationalen Forschungsteam ist es gelungen, weitere Antworten auf diese brennende Frage zu geben. Auch das Klinikum Wels-Grieskirchen leistete mit der Studienteilnahme einen wichtigen Beitrag dazu. Patienten, die leicht oder schwer an COVID‐19 erkrankten, wurden einer genetischen Analyse unterzogen und auf bestimmte Merkmale des Immunsystems hin untersucht. „Die Ergebnisse der wissenschaftlichen genetischen Untersuchungen waren erstaunlich“, erklärt Ronald Binder, Leiter der Abteilung für Innere Medizin II, Kardiologie und Intensivmedizin, am Klinikum Wels‐Grieskirchen, im Interview.

Welche neuen Erkenntnisse wurden aus der Studie gewonnen?

Ronald Binder: Wie schwer man an COVID-19 erkrankt, hängt davon ab, wie das eigene Immunsystem auf den Infekt reagiert. Die besonders schweren Verläufe sind von einer überschießenden Entzündungsreaktion in der Lunge gekennzeichnet. In der Studie wurde herausgefunden, dass bestimmte Oberflächenstrukturen (die sogenannten HLA-Proteine) der weißen Blutkörperchen für den Schweregrad der Erkrankung bedeutsam sind. Etwas mehr als zehn Prozent aller Österreicher sind Träger dieser Variante und haben dadurch im Falle SARS‐CoV‐2‐Infektion ein zweifach erhöhtes Risiko für die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung mit künstlicher Beatmung. In Zukunft ist es vorstellbar, dass mit der entsprechenden genetischen Untersuchung bereits bei Diagnosestellung eine bessere Risikostratifizierung vorgenommen werden kann. Es genügt dafür eine einfache Blutprobe.

Welche weiteren Risikofaktoren gibt es für einen schweren Verlauf?

Ronald Binder: Das Alter ist ein entscheidender Prädiktor für den Krankheitsverlauf. Daneben sind Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, männliches Geschlecht und relevante Begleiterkrankungen wie zum Beispiel ein geschwächtes oder unterdrücktes Immunsystem wichtige Risikofaktoren.

Was bedeutet die neu gewonnenen Erkenntnisse für die zukünftige medizinische Behandlung von Corona-Erkrankungen?

Ronald Binder: Es gibt bereits mehrere Medikamente, die den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung günstig beeinflussen können. Wenn man bereits weiß, dass ein schwerer Verlauf wahrscheinlich ist, kann die Therapie entsprechend intensiviert werden.

Warum leiden manche Menschen stärker und länger an den Folgen einer Covid-Erkrankung?

Ronald Binder: Wie schnell man sich von einer COVID-19 Erkrankung erholt, hängt vom Gesundheitszustand vor der Erkrankung und vom Schweregrad des akuten Infekts ab. Es ist schon von anderen Viruserkrankungen bekannt, dass Beschwerden über Wochen und Monate anhalten können. Bei COVID-19 ist das besonders ausgeprägt und die Regeneration geht oft nur langsam vor sich. Selbst wenn sich die Organe objektiv messbar erholt haben, können Husten, Atemnot, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Verlust des Geruchssinns und psychische Beschwerden über längere Zeit anhalten. Die Behandlung besteht in einer individuellen, symptomorientierten Therapie gegebenenfalls im Rahmen einer Rehabilitation.

Zitat: „Mit einer genetischen Untersuchung kann künftig bereits bei Diagnosestellung eine bessere Risikoabschätzung vorgenommen werden.“ Ronald Binder, Leiter der Abteilung für Innere Medizin II, Kardiologie und Intensivmedizin, am Klinikum Wels‐Grieskirchen.

Von Katharina Anna Ecker