Wie bleibt man im digitalen Zeitalter konzentriert?

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Leben wir in einem Zeitalter der Reizüberflutung?

Und zwar 24/7. Oder jedenfalls annähernd. Denn nicht nur Generation Y und Z driften permanent zwischen digitalen und analogen Welten. Und sind dabei ständig Reizen ausgesetzt. Was passiert dabei in unseren Köpfen? Und was macht das mit unserer Konzentration? Wie gewinnt man überhaupt heute noch Aufmerksamkeit? Wir haben bei drei Experten nachgefragt.

Manche Themen fesseln, klar. Weil sie uns direkt betreffen, weil wir einen persönlichen Nutzen darin finden. Bei anderen Inhalten schlafen dann beim Zuhören oder Lesen nicht nur die Füße ein. Und auch klar: An manchen Tagen ist man müde oder überarbeitet, oder einfach desinteressiert. Doch der Arbeitsalltag nimmt darauf keine Rücksicht. „Lange wurde Zeit als knappstes Gut im Arbeitsalltag angesehen. Doch der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass unsere Aufmerksamkeit zur wertvollsten Ressource wird“, sagt Peter Grabuschnig, Partner und Coach bei MDI Training – Führungskräfteentwicklung. Doch wie wird Aufmerksamkeit überhaupt definiert und was passiert dabei in unseren Köpfen? 

Reize filtern

„Aufmerksamkeit oder bewusste Verarbeitung von Reizen ist ein sehr kostbares Gut“, sagt auch Neurowissenschafter und Biochemiker Henning Beck. Nur die allerwenigsten Prozesse werden tatsächlich aufmerksam und bewusst verfolgt. Die vorderen Hirnrinden, die umgangssprachlich auch „Arbeitsgedächtnis“ genannt werden, sorgen dafür, dass man sich bewusst und fokussiert Dingen widmen kann. „Der Großteil der Sinnesreize wird durch eine Filterstation, das Zwischenhirn, rausgefiltert, sodass dieser Teil erst gar nicht bis in die vordere Hirnregion gelangt, denn ansonsten wären wir ziemlich überfordert“, erklärt Beck. Wir filtern also die Sinnesreize raus, die unwichtig sind. „So spürt man das Tragen der Schuhe oder Kleidung während eines Gesprächs meistens gerade gar nicht.“ 

„Man muss die Leute überraschen. Das gelingt mit einem Witz, mit einem Rätsel oder einem Geheimnis, das neugierig macht und nicht aufgelöst wird.“

Henning Beck, Neurowissenschafter und Biochemiker

Der Zauber von Überraschungen

Doch welche Reize benötigt das Gehirn, um fokussiert zu bleiben? „Ein Reiz an sich ist nicht so interessant wie die Veränderung eines Reizes. Ein Gehirn registriert Veränderung in der Umgebung und nicht das, was tatsächlich da ist. Und was sich am meisten ändert, dem widmen wir unsere Aufmerksamkeit.“ Was bedeutet das für den Arbeitsalltag? Oder konkret gefragt: Wie gewinnt man Aufmerksamkeit, etwa bei Präsentationen oder in Meetings? Beck : „Man muss die Leute überraschen. Das gelingt mit einem Witz, mit einem Rätsel oder einem Geheimnis, das neugierig macht und nicht aufgelöst wird. Wir haben Erwartungshaltungen, wir haben immer Modelle im Kopf, was als nächstes passiert. Und wenn diese Erwartungshaltung nicht eintritt, wenn wir überrascht werden, sind wir ganz besonders aufmerksam.“

Grabuschnig betont den Nutzen, der für das Gegenüber erzeugt werden soll, um Aufmerksamkeit zu gewinnen: „Wichtig ist es, relevante und wertvolle Inhalte zu teilen und unser Gegenüber aktiv teilhaben zu lassen. Natürlich kann man durch Aktivierungsmethoden wie das Stellen von Fragen, bildhafte Sprache, Storytelling, Informationsdefizite und noch vieles mehr die Aufmerksamkeit kurzfristig erhöhen. Solange der Inhalt jedoch keinen Mehrwert für den Zuhörer bringt, wird dieser schnell gedanklich abschweifen.“ 

„Solange der Inhalt keinen Mehrwert für den Zuhörer bringt, wird dieser schnell gedanklich abschweifen.“

Peter Grabuschnig, Partner und Coach bei MDI Training – Führungskräfteentwicklung

Und das gilt ebenso für digitale Meetings. Auch die Leiterin des Hernstein Instituts für Management und Leadership, Michaela Kreitmayer, unterstreicht den persönlichen Nutzen, den die Teilnehmer bei Meetings generieren sollen, und „die Beziehungsqualität, die stimmen muss. Menschen, denen man bei analogen Meetings schon nicht gerne zugehört hat, die haben es digital noch schwerer, weil die Gefahr hier noch höher ist, ausgeblendet  zu werden.“ 

Ablenkung in digitalen Zeiten

Denn „das digitale Zeitalter fordert unsere Aufmerksamkeit heraus. Hier eine Chatnachricht, dort eine E-Mail. Da ein Anruf am Handy und dort ein Videocall. Alles gleichzeitig geht auch in der virtuellen Welt nicht“, ergänzt Kreitmayer und rät dazu, noch bewusstere Entscheidungen zu treffen und sowohl im Digitalen als auch im Analogen Zeitfenster einzuplanen, in denen man einander ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. „Weiters ist auch hilfreich, zwischendurch aufzustehen und sich kurz zu bewegen, um auch dem eigenen Körper genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei könnte ein kurzer Spaziergang helfen, um sich danach wieder fokussiert und aufmerksam seiner Tätigkeit widmen zu können.“ Man brauche im digitalen Zeitalter neue Gewohnheiten und Routinen, um allen Lebensbereichen die gewünschte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. 

Wie hat unser Onlineverhalten die Aufmerksamkeitskompetenz verändert? „Die vielen Medien sind nicht das Problem, sondern immer der Umgang damit“, meint Neurowissenschafter Beck. „Wir haben zuhause und in der Arbeitswelt so viele Eindrücke, die wir verarbeiten müssen: Wir haben die Smartphones ständig dabei, wir haben Rechner und Laptop permanent am Laufen. Im Hintergrund laufen Radio und Fernseher, ja und dann sind da zum Teil auch noch echte Menschen, denen wir begegnen“, schmunzelt Beck. Aufmerksamkeit sei eine hart umkämpfte und wichtige Ressource: „Wir sind permanent dem Bombardement aus Ablenkung und neuen Reizen ausgesetzt, was dazu führt, dass unsere Geduld abnimmt und wir etwas fahriger im Denken geworden sind“, so Beck. Ein Beispiel sei etwa die kurze Aufmerksamkeitsspanne für Texte, weil „wir heute trainiert werden, dass alles schnell und effizient passieren muss. Die durchschnittliche Verweildauer beim Lesen von Onlinetexten liegt im Sekundenbereich.“  

Die digitale Dosis

Wie aber behält man einen klaren Kopf? Die Dosis macht auch hier das Gift. Beck plädiert für einen kontrollierten, wohldosierten Einsatz von Medien und rät dazu, „Räume festzulegen, wo sich keine digitalen Geräte befinden. Wenn wir in diesen Räumen sind, dann geht das Gehirn in einen anderen Denkmodus und es kommt besser sortiert und einen Tick cleverer in die digitale Welt zurück.“ Informationen müssen analog verdaut und vernetzt werden. „Bei monotonen Tätigkeiten wie Rad fahren, spazieren gehen, Geschirr abtrocknen oder Rasen mähen sind andere Hirnregionen aktiv, die im hinteren Scheitelbereich liegen und die man Grundeinstellungsnetzwerk nennt. Diese Areale sind dafür verantwortlich, dass man durch Mind-Wandering seine Gedanken kreisen lässt, ordnet, vernetzt und nicht überlastet wird.“

„Oft sind es die einfachen Dinge, die uns wieder in Balance bringen.“

Michaela Kreitmayer, Leiterin des Hernstein Instituts für Management und Leadership

Einfache Grundregeln wie Offlineräume festzulegen, kein Smartphone im Schlafzimmer zu benutzen, keinen Handycheck nach dem Zähneputzen mehr zu machen oder Hobbys offline auszuüben, seien gehirnfreundlich und gut für die Aufmerksamkeitsspanne. „Oft sind es die einfachen Dinge, die uns wieder in Balance bringen“, sagt Kreitmayr und rät zu täglichen Spaziergängen im Wald oder Achtsamkeitstraining, um geerdet zu bleiben.

Von Katharina Anna Ecker