Lohnt sich arbeiten nicht mehr?

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Chillst du noch oder arbeitest du (schon)?

Mit der Coronakrise kam die Rekordarbeitslosigkeit – die höchsten Werte seit Beginn der Aufzeichnung vor 75 Jahren. Ja, die Situation erholt sich langsam. Doch bereits vor Corona zeigte sich am Arbeitsmarkt ein widersprüchliches Bild: Offene Stellen treffen auf eine hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen. Heute, im Mai 2021, gibt es in Österreich rund 317.000 Arbeitslose. Umgekehrt aber auch fast 100.000 offene Stellen. Der Fachkräftemangel in Österreich ist scheinbar real. Vor uns liegt also ein weiter Weg – Krise hin oder her. Der Wirtschaftsbund hat hierzu eine klare Position. Es brauche stärkere Anreize, um Menschen in Beschäftigung zu bringen. Arbeit müsse sich wieder lohnen. Wir fragen uns daher: Lohnt sich arbeiten nicht mehr?

Bildung, Digitalisierung, Umwelt, Steuern und Konjunktur. All das sind Stellschrauben des Aufschwungs. Nicht zuletzt spielen auch Veränderungen im Arbeitsmarkt eine tragende Rolle. Ein Impuls: die Zumutbarkeitsgrenzen senken, um die Vermittlung zu erleichtern. Sprich, Arbeitslosen dürfen beispielsweise mehr Wegzeiten zugemutet werden.

„Es gibt kaum Jobsuchende, die nicht arbeiten wollen. Es kann jedoch vorkommen, dass Jobsuchende konkrete Jobs aufgrund spezieller Rahmenbedingungen nicht haben wollen. Das Arbeitslosenversicherungsgesetz gibt jedoch klare Spielregeln vor, unter welchen Bedingungen freie Stellen angenommen werden müssen oder auch eben nicht“, weiß Beate Sprenger, Pressesprecherin des Arbeitsmarktservice Österreich. Hier setzt die Idee demnach an: schärfere Vorschriften sollen die Rückkehr ins Arbeitsleben vorantreiben.

Akuter Fachkräftemangel

Das „Fachkräfteradar“ ist eine Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft zum Fachkräftebedarf- und mangel in Österreich. Ihr zufolge leiden 62 Prozent der österreichischen Betriebe während der Krise unter starkem Fachkräftemangel. Und das trotz kurzfristig arbeitslos werdender Fachkräfte? „Die Pandemie hat den Strukturwandel weiter beschleunigt, der Mismatch zwischen Jobsuchenden mit geringer Ausbildung und der Nachfrage der Wirtschaft nach gut ausgebildeten Arbeitskräften ist daher hoch“, so Sprenger.

Besonders IT-Kompetenzen sind laut den Studienergebnissen häufig Mangelware. Eines der Probleme, die beim AMS zukünftig an der Wurzel angegangen werden sollen, erklärt Sprenger: „Die Joboffensive – das große Ausbildungsprogramm von AMS und Bundesregierung – bietet Jobsuchenden daher eine breite Palette an Aus- und Weiterbildungen, vor allem in den zukunftsträchtigen Bereichen IT, Pflege, Metallbearbeitung sowie Umwelt und Nachhaltigkeit und bekämpft damit den Fachkräftemangel“.

Darüber hinaus wird als möglicher Ansporn eine Neugestaltung des Arbeitslosengeldes diskutiert. Brauchen wir etwa ein degressives Modell?

Nach dänischem Vorbild

Der Wirtschaftsbund setzt sich das Ziel, Arbeitslosigkeit in Österreich nachhaltig zu reduzieren. Das Mittel dazu: ein degressives Arbeitslosengeld mit zeitlich begrenzter Notstandshilfe. Doch was heißt das genau? Zu Beginn der Arbeitslosigkeit erhalten Betroffene mehr Geld, das im Laufe der Zeit stetig sinkt. Je länger ich arbeitslos bin, desto weniger Geld erhalte ich demzufolge. Dadurch soll vor allem Langzeitarbeitslosigkeit so gut es geht minimiert werden. Denn gerade die sogenannte Sockelarbeitslosigkeit sei laut Wirtschaftsbund nur schwer wieder auf das Vorkrisenniveau zu bringen. Also die Zahl derer, die trotz steigender Konjunktur nicht vermittelt werden. Das habe die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 eindrucksvoll bewiesen. „Um dieses Problem nach der Krise zu minimieren, braucht es am Arbeitsmarkt strukturelle Maßnahmen: Zu Beginn mehr Geld, das stufenweise zurückgeht. Das sind jetzt die richtigen Maßnahmen“, so Kurt Egger, Generalsekretär des Wirtschaftsbunds. Dänemark setzt bereits auf dieses Modell. Für dänische Langzeitarbeitslose gilt: Spätestens nach insgesamt fünf Jahren fällt die vergleichsweise hohe Unterstützung von 80 auf nunmehr 50 Prozent.

In Österreich zeigt sich aktuell ein gemischtes Bild. Einerseits liegt unser Arbeitslosengeld mit 55 Prozent Nettoersatzrate unter dem Durchschnitt der OECD (64 Prozent). Andererseits bleibt diese Rate (ab einem Jahr: 51 Prozent) langfristig stabiler als in anderen OECD-Ländern – die nach fünf Jahren bei nur noch 29 Prozent im Durchschnitt liegen. Von Degression ist hierzulande kaum eine Spur, doch „ein degressiv gestaffeltes Arbeitslosengeld soll die Motivation zum raschen Jobantritt erhöhen und Langzeitarbeitslosigkeit verhindern. Dieses Modell wird auch von Wirtschaftsexperten unterstützt", so Kurt Egger. Wir fragen bei zwei Wirtschaftsexperten nach.

Die Idee polarisiert

Rudolf Winter-Ebmer ist Professor an der Johannes Kepler Universität Linz sowie Institutsvorstand und Präsident der Nationalökonomischen Gesellschaft. Die Vorteile eines degressiven Arbeitslosengeldes sind ihm zufolge, „dass die Arbeitsaufnahmebereitschaft nach einer Senkung des Arbeitslosengeldes größer ist, das heißt die Dauer der Arbeitslosigkeit wird geringer. Dazu gibt es eine Studie aus Ungarn, allerdings auch eine Studie aus Österreich, die zeigt, dass nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes – und des Übertritts in die geringer dotierte Notstandshilfe – die Arbeitslosigkeit zurückgeht, aber viele Arbeitslose keinen neuen Job aufnehmen, sondern die Arbeitssuche aufgeben.“ Diese Personen befinden sich buchstäblich in einer Notlage. Schwarze Schafe, die keine Lust auf bestimmte Jobs oder generell arbeiten haben, rücken alle wirklich Betroffenen in ein schlechtes Licht. Zum Beispiel 48 Prozent der behinderten Arbeitslosen, die auf diese Sozialleistung dringend angewiesen sind.

Wilfried Altzinger sieht lang andauernde Arbeitslosigkeit als Hürde für den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Er ist Professor und Vorstand des Forschungsinstituts Economics of Inequality an der Wirtschaftsuniversität Wien. „Wenn Menschen längere Zeit nicht in Beschäftigung sind, findet ein doppelter Dequalifizierungsprozess statt“, so Altzinger. Denn weder am Arbeitsplatz, noch in den meisten Fällen privat, kämen die Betroffenen in den Genuss von Weiterbildung. Die Regierung plant speziell für diese Gruppe ihr sogenanntes Projekt „Sprungbrett“. Arbeitsminister Martin Kocher kündigte eine stärkere Finanzierung und Ausrüstung der Beratungs- und Betreuungseinrichtungen an. Es brauche nachhaltige Eingliederungshilfen, die beim „optimalen Match“ zwischen Arbeitgebern und Arbeitssuchenden helfen. Konkret will er mehr Arbeitsangebote in größeren Betriebe sowie gemeinnützigen und öffentlichen Stellen einbinden. Staatliche Lohnzuschüsse helfen diesen Unternehmen.

Corona verschärft die Lage

Angesichts der Krisensituation sind konkrete Maßnahmen unabdingbar. Winter-Ebmer bezeichnet die Corona-Arbeitslosigkeit als problematisch: „Vor allem deshalb, weil Österreich – im Gegensatz zu anderen Ländern – kaum Verbesserungen für Arbeitslose beschlossen hat. Es wurde nur der Satz der Notstandshilfe an das Arbeitslosengeld angepasst. Eine Erhöhung des regulären Arbeitslosengeldes wäre daher sinnvoll (gewesen), das könnte mit diesem degressiven Arbeitslosengeld schon passieren“. Das Modell begünstige also vor allem kurzzeitig Arbeitslose, die in der Krise ihren Job verloren haben.

Altzinger äußert sich hingegen kritisch: „Zur Degressivität habe ich eine relativ eindeutige Meinung. Ich halte das in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation ehrlich gesagt für keinen konstruktiven Beitrag. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist Corona-bedingt im letzten Jahr von rund 100.000 auf 150.000 gestiegen. Dieser enorme Anstieg kann nur durch einen generellen Konjunkturaufschwung sowie durch gezielte Förderprogramme reduziert werden“. Ein extremer Einbruch am Arbeitsmarkt erhole sich entsprechend langsam. Das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit erschwere diesen Prozess zusätzlich, weshalb eine Degression besonders dieser Gruppe schaden würde. Zielführend wären ihm zufolge spezifische Schulungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose sowie eine verstärkte Beschäftigungsnachfrage im öffentlichen Bereich, beispielsweise bei Vereinen oder Stadtämtern. Losgelöst von diesen Ansätzen, hinge aber alles von den wirtschaftlichen Entwicklungen der nächsten Jahre ab.

Kurzfristig ist ein degressives Arbeitslosengeld für manche „Corona-Arbeitslosen“ verlockend, da sie vorerst mehr Geld bekommen. Vor allem „nachdem sich in Österreich der Großteil in Kurzzeitarbeitslosigkeit von bis zu sechs Monaten befindet“, so Winter-Ebmer. Eine budgetneutrale Umsetzung hält er durch die starke Erhöhung eher für unrealistisch. Die Kehrseite der Medaille ist laut Altzinger, dass der Druck auf Langzeitarbeitslose bereits alleine durch den Übergang in die Notstandshilfe steige. Zum Beispiel durch schärfere Bestimmungen, unter denen man Arbeit annehmen muss. Die finanzielle Unterstützung im Rahmen der Notstandshilfe ist immerhin „prinzipiell zeitlich unbegrenzt. Das ist im internationalen Vergleich ganz sicher etwas Positives“, so Altzinger.

Die Hand reichen

Die während der Pandemie gestiegene Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Denn wie so oft, liegt die Lösung in der Mitte. Wir brauchen beides: Jobs, in denen man als Mitarbeiter wertgeschätzt wird und für die es sich lohnt, den Wohnort zu wechseln. Und umgekehrt die Bereitschaft bei den Arbeitssuchenden, nach Rückschlägen nicht aufzugeben und Kompromisse einzugehen.

Bei der Frage, ob sich arbeiten noch lohne, weist Beate Sprenger auf das große Ganze hin: „Arbeiten lohnt sich auf jeden Fall. Es geht dabei ja nicht nur einzig und allein um die existenzielle Absicherung, die eine Beschäftigung bietet. Arbeit bedeutet oft auch ein hohes Maß an persönlicher Sinnstiftung und das Gefühl, für die Gesellschaft nützlich und eingebunden zu sein“.

Von David Bauer