Was macht eigentlich ein Industrie Designer? Florian Seidl über Kreativität, das Zuhören, Empathie und: Warum Inspiration kein bunter Schmetterling ist.

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Florian Seidl hat als Industrie und Automotive Designer viele Preise erhalten und unterrichtet in Mailand Design

Florian Seidl ist Industrie und Automotive Designer und designt derzeit für Lavazza in Italien. Der Salzburger lebt und arbeitet in Turin. Er hat viele Designpreise erhalten und unterrichtet in Mailand Design. Wir trafen ihn, um mit ihm über seine Arbeit und seine Motivationen zu sprechen.

Was designst du am liebsten?

Florian Seidl_Produkte, die einen inneren Sinn haben. Ausgeklügelte Sachen, die sinnstiftend sind. Wir sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens im Design.

Was zeichnet einen guten Industriedesigner aus?

Florian Seidl_Er muss zuhören können, sich in die Nutzer einfühlen können, empathisch sein, ein gewisses technisches Grundverständnis haben. Als Industriedesigner muss man seinem Gegenüber im Entwicklungsprozess zuhören können und versuchen, möglichst viel zu lernen.

Was ist Kreativität?

Florian Seidl_Möglichkeiten erkennen und zulassen, das ist Kreativität.

Du hast eine Designabteilung bei Lavazza aufgebaut. Was war das Schwierigste daran und was war das Schönste daran?

Florian Seidl_Fangen wir mit dem Schönen an: Ich bin jetzt seit etwa 7 Jahren bei Lavazza und man sieht einfach die Früchte seiner Arbeit, also wenn man in den Supermarkt oder in ein Fachgeschäft geht. Man sieht dann die Produkte die wir gestaltet haben auf dem Regal stehen, das ist natürlich super. Was ist schwierig? Schwierig war es vor allen Dingen, weil Lavazza, bevor ich zu Lavazza gekommen bin, keine Inhouse-Designabteilung hatte. Dementsprechend war das vielen nicht bewusst, was Design ist, was es kann und wo praktisch der added value liegt und warum man das eigentlich machen soll.

Wer ist dein Lieblingsdesigner und warum?

Florian Seidl_Dieter Rams. Der hat schon gute Sachen gemacht im Produktdesign. Mit den zehn Geboten und mit Braun. Was sehr beeindruckend ist, ist natürlich die ganze Sache von Jony Ive bei Apple, das würde mich sehr interessieren, wie die arbeiten. Das ist halt schon sehr von Braun inspiriert – aber generell: Die machen extrem gute Arbeit.

Du hast viele Red Dot Design Awards, German Design Awards und iF Design Awards bekommen, was ist das für ein Gefühl, so ausgezeichnet zu werden?

Florian Seidl_Das ist natürlich super, weil es halt einfach auch eine fachliche Bestätigung ist. Als Designer kann man Bestätigung auf verschiedenen Ebenen erlangen: Eine ist natürlich, wenn das Produkt erfolgreich am Markt ist. Eine andere ist ein Designpreis, weil das im Normalfall eine hochkarätig besetzte Fachjury ist, die dann die Sachen für gut empfindet oder nicht. Dementsprechend ist so ein Designpreis eine Würdigung von Peers – praktisch von Gleichgesinnten – und von Leuten, die sich auskennen.

Hat sich durch die Preise etwas verändert?

Florian Seidl_Die Designpreise haben die Wahrnehmung bei uns in der Firma fürs Design ein bisschen verändert. Und sicherlich verbessert. Es ist wichtiger geworden das Thema.

Woher bekommst du deine Inspirationen und wann?

Florian Seidl_Meistens direkt im Projekt und im Remixen von Sachen und Erfahrungen, die man irgendwie hat. Inspiration ist nicht etwas, das man sich vorstellen kann wie ein bunter Schmetterling, der durch die Gegend fliegt und wenn man Glück hat, dann sieht man ihn, fängt ihn und ist dann inspiriert, sondern: Kreativität ist im Normalfall ein sehr zielgerichteter Prozess und man muss sich da mit Empathie und mit Freude mit der Thematik auseinandersetzen. Wenn man das kann, dann kann man auch kreativ sein.

Wo bekommst du deine besten Ideen?

Florian Seidl_Wenn man die Möglichkeit hat, in Ruhe Sachen durchzugehen. Für mich ist Inspiration und gut kreativ arbeiten mit Konzentration verbunden. Und dementsprechend muss das Ambiente auch stimmen.

Welches ist dein liebstes Ding, das du designt hast?

Florian Seidl_Naturbedingt ist das aus dem Bereich Lavazza und Kaffeemaschinen. Worauf ich stolz bin, ist, dass wir in den letzten Jahren die ganze Produktpalette neu aufgesetzt haben und eine kohärente Formensprache entwickelt haben. Das ist es, was mir wirklich Freude bereitet. Es ist wirklich eine Serie von Produkten, die gemeinsam noch einmal stärker auftreten.

Wie erholst du dich am Besten von deiner Arbeit?

Florian Seidl_Puh schwierige Frage, ich bin Workaholic. Ich brauche schon immer irgendwas, woran ich mental schrauben kann. Erholen tue ich mich, wenn ich das machen kann, ohne großen Druck dabei zu haben.

Du unterrichtest auch Design in Mailand, was ist das Wichtigste, was du deinen StudentInnen mitgibst?

Florian Seidl_In der Lehre muss man schauen, dass man das fachliche Grundgerüst mitgibt und man praktisch den StudentInnen erklärt, wie man es macht, wie der Hase läuft. Auf der anderen Seite ist es extrem wichtig, zu motivieren, die Augen zu öffnen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Und nicht einfach nur zu kritisieren. Es geht wirklich darum, den Leuten oder den Studenten Möglichkeiten zu geben, zu lernen und zu wachsen. Das ist cool.

Was ratest du deinen StudentInnen zur Inspiration?

Florian Seidl_Sie sollen mit offenen Augen durch die Welt gehen und sich in das Projekt reindenken. Man muss als Designer die Fähigkeit haben, verschiedenste Perspektiven einnehmen zu können: die des Users, des Technikers, der Ökologie.

Welche Werte begleiten dich, beruflich wie privat?

Florian Seidl_Ich glaube, ein respektvoller Umgang ist das Um und Auf. Sowohl im privaten, als auch im beruflichen Bereich. Gemeinsam die Sachen angehen, nicht irgendwie das Ego raushängen lassen. Nicht gegen andere arbeiten, sondern schauen, dass man gemeinsam eine Lösung findet.

Hast du ein Motto für dein Leben oder dein Design?

Florian Seidl_Lebensmotto habe ich in dem Sinn keines. Ich versuche einfach, mein Bestes zu geben und Spaß dabei zu haben.

Von Verena Schweiger